waterdicht broek

Mir wurde dereinst von meiner Frau aufgetragen eine Matschhose aus dem Aldi zu besorgen, da diese so gnadenlos günstig sei, dass man sich selbst dann mindestens eine kaufen sollte, wenn man kein Kind hätte. Dieses einmalige Sonderangebot zu verpassen wäre absolut unverzeihlicher Wahnsinn und stünde nicht zur Debatte!

Somit lungerte ich bereits um 7:35 Uhr an einem Montagmorgen einsam und verlassen auf dem Parkplatz vor Aldi herum und kam mir dabei ziemlich lächerlich vor. Ich dachte kurz darüber nach, an welcher Stelle ich in Gesprächen ungefähr den richtigen Zeitpunkt zum Neinsagen verpasse und weinte eine einzelne, bittere Träne. Innerlich.

Bereits zehn Minuten später trafen die ersten Mütter ein, welche ich freundlich fragte, ob sie die Damen seien, mit denen ich mich gleich derbe prügeln müsste. Manche schmunzelten, andere nickten. Weitere fünf Minuten später verstand ich langsam, aber sicher die Ausmaße des bevorstehenden Ereignisses. Meine clever eingenommene Pole Position war womöglich Fluch und Segen zugleich – die hinter mir versammelte Meute scharrte auffällig mit den Hufen. Mich überkam die berechtigte Angst erdrückt und überrannt zu werden. Immerhin ging es um supergünstige Kindermatschhosen in begrenzter Verfügbarkeit! Ich zog nervös an meiner (letzten?) Zigarette.

Exkurs: SCHNÄPPCHEN

Total seriöse Wissenschaftler der Homöopathischen Wirtschaftsuniversität für Gehirnforschung und Nachtisch in Halbseide an der Lüg haben als Erste den kausalen Zusammenhang zwischen partieller Hirnlähmung und dem Begriff „Schnäppchen“ bewiesen.

Laut Forschungsergebnissen setzten bei den Probanden (m/w) nach Aufnahme des externen Reizes „Schnäppchen“ bis zu 60 % der aktiven Hirntätigkeit aus (siehe Abbildung; schraffierte Fläche). Die messbaren Folgen waren extreme Hamsterkäufe, spontanes Einnässen und eine nicht zu erklärende Vorliebe für minderwertige Rockmusik (Nickelback, Frei.Wild etc.). Der Grund für diese Fehlreaktion des menschlichen Gehirns wird momentan noch im Lehrstuhl für angewandte monetäre Esoterik und Börsenkurse ausgependelt.


Irgendwann war es dann endlich 8:00 Uhr und die Türen öffneten sich wie in Zeitlupe. Der Moment der Wahrheit war da. Jetzt kam es darauf an: Fressen oder gefressen werden. Eine supergünstige Matschhose ergattern oder doch nur mit einer schmackhaften Dosensuppe heimkommen. Mir schauderte.
Von hinten drückte mich die dampfende Masse schnaubender Schnäppchenjäger und -jägerinnen erbarmungslos in den Laden. Ellbogen wurden ausgefahren und Messer gezückt. Hinter mir hörte ich vereinzelte Schüsse und das Knacken von Knochen. Eine Ladung warmes Blut spritzte mir in den Nacken.

Als wir die Matschhosen erreichten, waren die Verluste bereits immens. Viele hatten es erst gar nicht bis hierher geschafft, lagen regungslos zwischen Kaffeefiltern und Sprudel in Plastikflaschen auf dem kalten Boden. Andere, welche zu diesem Zeitpunkt bereits dem Wahnsinn anheimfielen, waren überhaupt nicht mehr auf der Jagd nach Matschhosen im Sonderangebot. Stattdessen durchwühlten sie ihre ehemaligen Kontrahenten und formten sich aus deren Gedärmen groteske Perücken. Erinnerungen an meinen sechsten Geburtstag kamen in mir hoch.

Ich erkämpfte mir zwei qualitativ hochwertige Matschhosen zum kleinen Preis, konnte allerdings nicht auf die Größe achten. Das Kind würde schon hineinwachsen oder müsste halt Bauch und Beine ein wenig einziehen, je nachdem. Um an das begehrte Gut zu gelangen musste ich tatsächlich nur zwei äußerst flinken Müttern ihre frechen Arme brechen. Doch selbst dann waren sie nicht gewillt aufzugeben, weshalb ich ihnen jeweils eine sanfte Kopfnuss verpassen, sie vorsichtig zu Boden werfen und schamlos zusammentreten musste. Mein kleiner Beitrag zur Gleichberechtigung.

Auf dem Weg zur Kasse fing mich eine Großmutter ab. Sie musste an die 70 Jahre alt gewesen sein, hatte jedoch die Agilität einer Seidenraupe und den Kampfgeist einer bayerischen Holzfällerin; das sah ich ihr an. Wir blickten uns für Sekundenbruchteile in die blutunterlaufenen Augen. Ich hatte, was sie wollte. Sie wollte, was ich hatte. Bei Matschhosen im Sonderangebot endet die Menschlichkeit.

Mit einer lässigen Kopfbewegung spuckte sie ihr Gebiss aus, was sie weniger ungefährlich als unberechenbar machte. Unter angsteinflößendem Gebrüll stürzte sie sich auf mich, brach mir mit einem Schlag drei Rippen, warf mich zu Boden, griff mit der anderen Hand nach meinem Kopf und schmetterte ihn ein ums andere Mal auf den Boden. Nach kurzer Zeit bemerkte ich, wie mein Hinterkopf aufplatzte. Zunächst waren es nur Haut und Schwarte, doch schon bald hörte ich das Aufbrechen des Schädels. Hirnmasse trat aus.
Es ertönte ein letzter markerschütternder Schrei und mein matschiger Kopf schlug zum letzten Mal auf den Fliesen auf.

Ich war tot.



Genau so, oder zumindest so ähnlich, hat es sich zugetragen. Eventuell habe ich die Ergebnisse des 3. März 2014 an ein bis zwei Stellen geringfügig ausgeschmückt, aber so habe ich es in Erinnerung, so hat es sich angefühlt.

Unsere Tochter musste ihre beiden Matschhosen fortan zu jeder Gelegenheit und unabhängig vom eigentlichen Wetter abwechselnd tragen, denn schließlich waren sie saugünstig, von hervorragender Qualität und echt mühselig zu erbeuten.

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