Leserbrief #7

Name:
Herr vom Brocke

Alter:
Knapp über 30

Wohnort:
Ein Raum, wo meine Sachen stehen.

Geschlecht:
männlich

Sehr geehrte Frau Bob!

Vor kurzem sah ich eine neue Sendung auf einem Sender, der immer wieder mit neuartigen Formaten verblüfft und mir Bilder ins Haus bringt, die ich sonst nur in den Untiefen des Internets wiederfinde.
Die Sendung heisst Horror-Tattoos und zeigt Leute mit Horror-Tattoos und die dazugehörige Entstehungsgeschichte, die meist immer darin endet, dass jemand weint. Die Personen mit der traurigsten Geschichte gewinnen dann ein neues Tattoo, welches über das Horror-Tattoo gestochen wird und sie weinen wieder, diesmal vor Freude. Das nervt mich. Wäre es nicht viel schöner, wenn man eine Sendung machen würde, die dieses Konzept spiegeln würde ? Menschen würden mit ihren Allerweltstattoos kommen und erzählen eine langweilige Story über das krasse Tattoo, dass sie sich für 1000 € haben machen lassen und bekommen anschließend richtig hässliche motive drüber tätowiert?


Meine Frage ist folgende: Welche hässlichen Tattoos muss ich mir als selbstbewusster Mitteleuropäer eigentlich unbedingt stechen lassen ?
Ich kann mich nicht entscheiden zwischen meinem eigenen Geburtstag, einem großflächigen „LA FAMILIA“ oder einem Songtext von Unheilig. Ich hoffe, sie können mir weiterhelfen.


Frau BOBs Antwort:

Hallo lieber Herr vom Brocke,

Sie scheinen offensichtlich keine eigenen Abkömmlinge Ihr Eigen zu nennen. Andernfalls wäre Ihnen die Antwort klar und Sie hätten mich für solch eine Lappalie nicht aus dem Kryoschlaf reißen müssen, welcher mich in eine Zukunft führen soll, in der die körperliche Liebe und gleichberechtigte Ehe mit Apple-Produkten möglich, legal, gesellschaftlich anerkannt und nicht mehr so sauteuer ist.
Nun gut, Sie scheinen Lebensberatung wirklich bitter nötig zu haben und jetzt bin ich sowieso wach; also fangen wir an.

Bitte überweisen Sie umgehend die Beratungsgebühr samt den diversi Sonderzuschlägen.

Lassen Sie mich zunächst betonen, dass ich, die ehrenwerte Frau BOB, eine strikte Verfechterin der reinen, untätowierten Haut bin.
Sie, Herr vom Brocke, scheinen mir weder ein Bürokaufmann noch ein Bankangestellter zu sein und sehen nur teilweise wie ein Kleingärtner aus; WOZU benötigen Sie also eine Tätowierung!?
Haben Sie mit Ihrem Leben bereits abgeschlossen?
Hören Sie womöglich regelmäßig, absichtlich und sogar gerne Radio!?

Tätowierungen sind kein Jux, kein harmloser Spaß, keine verzeihliche Jugendsünde und definitiv kein dekorativer Körperschmuck, sondern mieser, fieser, langweiliger und erzkonservativer Mist für CDU-Wähler.
Wenn Sie Ihrer gebeutelten Umwelt schon unbedingt Ihre saulangweilige Lebensgeschichte und allerlei strunzdummen Lebensweisheiten aufnötigen wollen, dann lernen Sie doch bitte gefälligst endlich Ausdruckstanz, wie es sich für öde Kacknasen gehört! Die Volkshochschule oder das „Zentrum für homöopathische Abzockung & energetisierten Heilstaub“ in Ihrer Stadt bieten gewiss Einsteigerkurse für leichtgläubige Bürohengste und -stuten mit loser Brieftasche zu Mondpreisen an. Versprochen.

Die von mir ins Leben gerufene Stiftung BESCHISSENE REINHÄUTER OHNE TATTOOS (kurz: B.R.O.T.) kann Menschen wie Ihnen helfen und sie vor einer trostlosen Existenz mit bedeutungsschwangeren Sätzen in Elbenschrift auf dem Unterarm bewahren. Wir vermitteln einfache Grundsätze, welche selbst von Philosophiestudenten [sic!] im 23. Semester verstanden werden können.

Schreiben Sie sich nicht ab und nichts auf die Haut!

Chinesische Schriftzeichen, Sterne, Namen von Familienangehörigen und popkulturelle Anspielungen sagen unter dem Strich nur eins über Sie aus: Sie können Ihr beigefarbenes Leben nur noch mit Müh und Not ertragen und sehnen sich nach der erlösenden Blutvergiftung mit tödlichem Ausgang, herbeigeführt durch die schier katastrophalen hygienischen Zustände in Tätowierbuden. Doch keine Farbe der Welt wird Ihre gelebte Tristesse übertünchen und kein schrilles Motiv Ihren drögen Charakter überdecken können.

Tattoos sind lahm.
Sie sind lahm.

Es ist zudem hinlänglich bekannt, dass die Farben fürs Tätowieren aus wirklich echt süßen Hunde- und Katzenbabys hergestellt wird.
Schlimm, oder?

In diesem Sinne:
Reine Haut, reines Gewissen!

Mit freundlichen Grüßen
Frau BOB

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