Toccata und Füge in d-Troll

Ich liebe Blödsinn und Unfug!
Werbung gehört in seinen mannigfachen Darreichungsformen per definitionem eindeutig dazu und an guten Tagen genieße ich diesen hilf- und seelenlosen Quatsch mehr als jeden noch so gut ersonnenen Ulk. Gerade die unfreiwillige und überforderte Komik lässt mir zuweilen Tränen der Verzückung über die Wangen kullern. Sich ernst nehmende Werbung ist immer Dreck und nur lustig gemeinte Werbung ist noch schlimmer und weniger unterhaltsam.

Wie dem auch sei, wir hatten vor drei Wochen Besuch von dem für uns zuständigen Versicherungs-Hoschi. Ein zugegebenermaßen attraktiver, 25-jähriger Bengel; schmierig wie ein Pfund Butter und mit fettem BMW in gold/beige.
Das Beratungsgespräch war angemessen professionell und erwartungsgemäß furchtbar. Ich kenne nicht allzu viele Versicherungsvertreter, aber Lord Gelfrisur beherrschte sein rhetorisches Handwerk und die Grundlagen der Selbstvermarktung aus meiner Sicht ziemlich gut. Ich bin jedoch nach dem ersten Drittel aus dem Gespräch ausgestiegen und mit dem Kind auf den Spielplatz gegangen; das Wetter war so schön. Seinen großen, emotionalen Moment habe ich allerdings noch mitbekommen.

„… und darum sage ich, dass ich alle zwei Jahre vorbeikomme. Wir setzen uns zusammen hin, trinken einen Kaffee und ich gucke, wie ich euch helfen kann. Das ist mein Versprechen an euch!“
(Gedächtnisprotokoll)

Für einen kurzen Moment brandete ein Orchester auf. Geigen zerschnitten die verdichtete Luft, Pauken peitschten heroische Worte durch eine unwirtliche Servicewüste, Hörner verkündeten Gänsehaut. Ein leichter Hall legte sich auf seine Stimme, ließ sie imposanter und majestätischer klingen. Aus dem Pantheon der Großherzigkeit kamen extraordinäre Buchstaben, zusammengesetzt zu schimmernden Wörtern, aneinandergereiht zu Sätzen überirdischer Schönheit unaufhaltsam auf uns zu.
Er hatte uns ein Versprechen gegeben, hatte mit uns ein heiliges Bündnis geschlossen, welches er niemals aufkündigen würde, sofern er in zwei Jahren noch in der Branche oder bei dieser Versicherung arbeitet. Ich war zutiefst ergriffen, trank meinen Kaffee aus und ging endlich raus auf den Spielplatz.
Kerlokiste, watt ’ne Sülznase!

Vor wenigen Tagen erreichte uns sein Schreiben, welches ich, bis auf den ersten Satz und die Abschiedsfloskel, ungekürzt wiedergebe.

Anliegend habe ich Ihnen wie besprochen, die Änderung zu Ihren Versicherungen beigefügt.

Nach Absprache mit meinem Vorgesetzten, sollten Sie die Erwerbsunfähigkeitsversicherung sofort abschließen, da die Erkrankung nicht Vorhersehbar ist und Sie somit Versicherungsschutz erlangen!

Demnach habe ich Ihnen auch den Antrag zur Erwerbsunfähigkeit mit beigefügt. Es ist wichtig für Sie, aber umso wichtiger ist es für Ihre Familie!

Einen Freiumschlag habe ich Ihnen selbstverständlich mit beigefügt.

Gerne stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung!

So, erst mal tief durchatmen.
Ich bin staatlich anerkannter Querulant und außerordentliches Mitglied des Zentralrats der Duden. Diese begünstigte Sonderstellung befähigt mich nicht nur zur Kritik an diesem Schund, vielmehr spüre ich tief in mir eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Dieser Verpflichtung werde ich unaufgefordert nachkommen.

Das Schreiben ist dankenswerterweise so gegliedert, dass es sich sehr schön kleinschrittig bearbeiten lässt. Vorweg gehen wir allerdings noch kurz auf Herrn Goldkettchens Lieblingswort ein. Sein Favorit beifügen ist ein schwaches Verb mit der Bedeutung „dazulegen, mitschicken“. Lasst uns dies im Hinterkopf behalten.

  1. „Anliegend habe ich Ihnen wie besprochen, die Änderung zu Ihren Versicherungen beigefügt.“
    • Lass das Komma weg oder füge ein zweites hinzu, aber in dieser Form ist es schlichtweg falsch.
    • Da es nicht nur um eine Änderung ging, ist in diesem Fall der Plural zu bevorzugen, obwohl es dann wirklich etwas holperig klingt.
    • Das erste Mal beifügen.
  2. „Nach Absprache mit meinem Vorgesetzten, sollten Sie die Erwerbsunfähigkeitsversicherung sofort abschließen, da die Erkrankung nicht Vorhersehbar ist und Sie somit Versicherungsschutz erlangen!“
    • Unter Umständen sollte der gute Mann einfach gänzlich auf Kommata verzichten.
    • Das Wort vorhersehbar hätte ich in diesem Kontext eher klein geschrieben.
    • Sein Vorgesetzter befürwortet also den sofortigen Abschluss einer Versicherung … WER HÄTTE DAS GEDACHT!? VERARSCHEN KANN ICH MICH ALLEINE! Natürlich rät sein Vorgesetzter zum Versicherungsabschluss, was für eine Art „Absprache“ soll das denn bitteschön gewesen sein!? Darüberhinaus erlange ich also Versicherungsschutz durch eine Versicherung? Krassobelli, und Wasser ist nass!
  3. „Demnach habe ich Ihnen auch den Antrag zur Erwerbsunfähigkeit mit beigefügt. Es ist wichtig für Sie, aber umso wichtiger ist es für Ihre Familie!“
    • Das zweite Mal beigefügt bzw. mit begefügt. Eine unnötige Dopplung, da beifügen ja bereits mitschicken bedeutet.
    • Das Duzen beim persönlichen Gespräch war bereits ein grenzwertig widerlicher Appell an unsere emotionale Seite, aber die Nummer mit „… umso wichtiger ist es für Ihre Familie!“ ist billigster, offensichtlicher und komplett durchgenudelter Scheißdreck.
  4. „Einen Freiumschlag habe ich Ihnen selbstverständlich mit beigefügt.“
    • Ein weiteres Mal mit beigefügt. Er scheint echt drauf zu stehen.
  5. „Gerne stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung!“
    • Spätestens an dieser Stelle hatte ich beim Lesen ein urinfeuchtes Höschen vor lauter Amüsement. Ihr müsst meinen Sinn für Humor selbstverständlich nicht teilen, aber grandiose drei Mal das Verb beigefügt und dann auch noch zusätzlich die Verfügung in sechs Sätzen unterzubringen finde ich wirklich über die Maßen gelungen.

Ich bin weder studierter Germanist noch sind meine Texte frei von Fehlern *hüstel*, aber derat schluderig zusammengestümperten Mist auf offiziellem Briefpapier finde ich, gelinde gesagt, erstaunlich. Meine Empfehlung sind vorgefertigte Textbausteine, um wenigstens ein Mindestmaß an Seriosität und/oder Professionalität vorzutäuschen.
Nichtsdestotrotz bedanke ich mich für die gute Unterhaltung und meine damit keineswegs das Beratungsgespräch!

Fügt euch eurem Schicksal und lasst den Unfüg!

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2 Antworten zu “Toccata und Füge in d-Troll

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